„Nicht jede Anwendung von künstlicher Intelligenz im Unternehmen wird sich automatisch rechnen“
Thomas Petrik & Bernd Schellnast im Interview mit ITWelt zu den wichtigsten IT-Trends 2026

Im Interview mit ITWelt.at geben Thomas Petrik und Bernd Schellnast, Geschäftsführer von Sphinx IT Consulting, einen Ausblick auf die wichtigsten IT-Trends 2026 und erklären, warum die zentrale Frage nicht mehr lautet, ob KI eingesetzt wird, sondern wo sie echten Mehrwert schafft und wie erfolgreiche Unternehmen gezielt Anwendungsfälle identifizieren, in denen KI Prozesse beschleunigt, Qualität verbessert oder Mitarbeitende von repetitiven Tätigkeiten entlastet.
- Welche IT-Trends werden 2026 eine wichtige Rolle spielen bzw. welche IT-Themen sollten heuer auf der Agenda von IT-Verantwortlichen ganz oben stehen und warum?
Die IT-Agenda für 2026 wird aus unserer Sicht weniger von neuen Hypes bestimmt, sondern von der Frage, wie Unternehmen ihre digitale Handlungsfähigkeit nachhaltig sichern und echten Mehrwert aus Technologien ziehen.
Zwei Themen stehen dabei ganz oben auf der Agenda von IT-Verantwortlichen: „Data Sovereignty“ und „AI Stage 2“.
Data Sovereignty entwickelt sich 2026 von einem reinen Compliance- oder Infrastrukturthema zum zentralen Business-Thema. Unternehmen stehen zunehmend vor der Frage, wie sie die Kontrolle über ihre Daten, ihr Prozesswissen und ihr digitales Kerngeschäft behalten – dies auch in einem geopolitisch unsicheren Umfeld. Es geht dabei unter anderem um folgende zentralen Fragestellungen:
Wie können Unternehmen wieder „Herr ihrer eigenen Daten“ werden? Dabei geht es nicht nur um den physischen Speicherort von Daten, sondern um Fragen wie Zugriffskontrolle, administrative Hoheit und rechtliche Durchsetzbarkeit – auch im internationalen und geopolitischen Kontext.
Wie gelingt Outsourcing ohne „Vendor Lock-in“? Viele Unternehmen sind heute stark von einzelnen Cloud- oder Technologieanbietern abhängig. 2026 wird entscheidend sein, Outsourcing-Modelle so zu gestalten, dass sie Skalierbarkeit und Innovationskraft ermöglichen, ohne dabei den Verlust von Funktionalität, Flexibilität oder wirtschaftlicher Planbarkeit (Stichwort: hohe Umstiegskosten) zu riskieren.
Wie lässt sich eine moderne IT-Infrastruktur betreiben, ohne die Kontrolle zu verlieren? Moderne Architekturen – Hybrid, Multi-Cloud, Container, Plattformen – sind kein Widerspruch zu Souveränität. Voraussetzung ist jedoch ein durchdachtes IT-Architektur- und -Betriebsmodell, das Offenheit, Portabilität und Transparenz von Beginn an ausreichend mitdenkt.
Wie resilient ist unsere IT in Krisenszenarien? Globale Krisen, geopolitische Spannungen oder regulatorische Eingriffe können dazu führen, dass einzelne Services, Plattformen etc. plötzlich nicht mehr verfügbar sind. Unternehmen müssen sich daher fragen, ob ihre IT auch unter solchen Bedingungen funktionsfähig bleibt.
Im Mittelpunkt stehen also nicht primär Technologien, sondern Business-Knowhow, Daten, Prozesse und digitale Wertschöpfung. Data Sovereignty erfordert zudem eine bewusste und intelligente Partnerstrategie: Technologiepartner sollten nicht zu (neuen) Abhängigkeiten führen, sondern Transparenz, „Exit-Fähigkeit“ und langfristige Kontrolle ermöglichen.
AI Stage 2: Fokus auf echtem Mehrwert und messbarer Wertschöpfung: Nach dem ersten Hype rund um künstliche Intelligenz befinden wir uns 2026 bereits in einer nächsten Phase. Der Fokus verschiebt sich deutlich: weg vom relativ „unverbindlichen Ausprobieren“ hin zu konkreten, produktiven Einsatzszenarien mit messbarem Nutzen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wo sie echten Mehrwert schafft. Erfolgreiche Unternehmen identifizieren gezielt Anwendungsfälle/Use Cases, in denen KI Prozesse beschleunigt, Qualität verbessert oder Mitarbeitende von repetitiven Tätigkeiten entlastet.
Der Faktor Mensch und die „Augmented Workforce“: Statt auf reine Automatisierung oder den Ersatz von Arbeitsplätzen zu setzen, rückt das Konzept der „Augmented Workforce“ in den Vordergrund. KI wird zum digitalen Assistenten, der Mitarbeitende unterstützt, Entscheidungen vorbereitet und Produktivität steigert – ohne Knowhow und Verantwortung aus dem Unternehmen zu verdrängen.
Return on Investment (ROI): Gleichzeitig muss der wirtschaftliche Nutzen genauer hinterfragt werden – rechnet sich der Einsatz von generativer AI (GenAI) in den jeweiligen Unternehmensprozessen wirklich? Welche Kosten entstehen für Betrieb, Integration, Sicherheit, Governance und die gesamte Organisation? Ab wann wird ein positiver Effekt realistisch erreicht?
Nicht jede Anwendung von künstlicher Intelligenz im Unternehmen wird sich also automatisch rechnen – das ist eine wichtige Erkenntnis. Entscheidend ist eine realistische Bewertung der konkreten Anwendungsbereiche sowie von Kosten, Nutzen und den organisatorischen Auswirkungen.
Zusätzlich stellen Unternehmen im Zuge ihrer KI-Initiativen häufig fest, dass die erforderliche Datenbasis noch nicht in ausreichender Form vorhanden ist und zunächst Vorarbeiten zu leisten sind. „AI Stage 2“ bedeutet damit auch, gezielt in eine tragfähige Datenqualität und -infrastruktur zu investieren.
„Erfolgreiche KI-Initiativen starten mit einer strukturierten Analyse der Geschäftsprozesse: Unternehmen sollten gezielt jene Use Cases identifizieren, in denen hohe Wiederholraten, große Informationsmengen oder Engpässe bei der Bearbeitung bestehen. Genau dort kann KI Produktivität steigern und Qualität verbessern.“
Weitere Fragen im Rahmen des Interviews:
- Künstliche Intelligenz ist derzeit das alles dominierende Thema. In der Praxis erfüllen KI-Projekte jedoch oft nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Was würden Sie Anwenderunternehmen im Bezug auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz für 2026 raten?
- Die geopolitischen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit haben deutlich gemacht, welche Risiken die IT-Abhängigkeit Europas von vor allem US-Unternehmen mit sich bringt. Wie sehen Sie das Thema digitale Souveränität und was kann Europa bzw. Ihr Unternehmen tun, um unabhängiger zu werden?
- Welche spannenden Projekte haben Sie 2025 für Kunden umgesetzt und was war das Besondere daran?
- Welche Highlights bzw. Schwerpunkte kann man 2026 von Ihrem Unternehmen erwarten? Welche Lehren nehmen Sie aus dem IT-Jahr 2025 für die Zukunft mit?
- Wenn Sie einen IT-bezogenen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?